Fokus Forschung: Poster zur NWK19: Digitale Inklusion als Reaktion auf politische und gesellschaftliche Spaltungstendenzen

Donnerstag 07. Juni 2018, 14:00

Dr. Angela Freche und Jenny Gärtke-Braun (Projekt SEM/ Fakultät Soziale Arbeit)

NWK19-Teilnehmerinnen: Jenny Gärtke-Braun
und Dr. Angela Freche (v.l.)

Das Phänomen der digitalen Spaltung (Digital Divide) rückt gegenwärtig in zunehmendem Maß in den Fokus der Forschung. In einer hoch technologisierten und digitalisierten Welt kann man den ungleichen Zugang verschiedener Bevölkerungsgruppen zu Informations- und Kommunikationstechnologien nicht ignorieren. Besonders dann nicht, wenn man die aktuelle politische Lage im Blick behält.

Der eingeschränkte Zugang zur digitalen Welt kann in der unzureichend ausgebauten Infrastruktur begründet sein. Oftmals ist er aber auch ein Spiegel der ökonomischen Voraussetzungen. Die Digital-Divide-Forschung untersucht diese, sich selbst reproduzierenden, sozialen Ungleichheiten im Internet [1]. Denn, auch wenn im Jahr 2017 schon gut 87 % der deutschen Bevölkerung ab dem 11. Lebensjahr Zugang zum Internet hatten [2], entscheidet weiterhin der sozioökonomische Hintergrund darüber, wer das Netz wie nutzt. Es ist empirisch unterlegt, dass jene, die sich bereits in einer privilegierten gesellschaftlichen Position befinden, in höherem Ausmaß von der Verfügbarkeit des neuen Mediums profitieren [1].

Soziale Ungleichheiten beeinflussen maßgeblich die Stimmung innerhalb der Bevölkerung [3]. Dort, wo gefühlte und tatsächliche Ungerechtigkeit zunimmt, wächst auch Unruhe. Diese Unruhe wird von populistischen, politischen Akteuren befeuert, verstärkt und gezielt manipuliert. Diese „neuen Akteure“ sind dabei äußerst geschickt im Umgang mit digitaler Manipulation, vor allem über Social Media Plattformen. Unzufriedenheit und Radikalisierungsbereitschaft wachsen, politische Extreme gewinnen an Zuspruch. Somit verstärkt die im Internet reproduzierte Ungleichheit die gesellschaftliche Spaltung.

 

Es stellt sich die Frage, wie diesen Entwicklungen entgegengewirkt werden kann?

Der Beitrag von Dr. Angela Freche und Jenny Gärtke-Braun auf der 19. Nachwuchswissenschaftlerkonferenz befasst sich mit der Digitalen Inklusion als geeignete Strategie, um auf die genannten Entwicklungen zu reagieren. Digitale Inklusion fordert den barrierefreien Zugang für alle Menschen einer Gesellschaft. Wobei beide Facetten abgedeckt werden: Inklusion mit Hilfe digitaler Medien sowie Inklusion in eine digitale Gesellschaft.

Dafür ist es unabdingbar, dass das Verständnis von „Medienkompetenz“, insbesondere im Bildungssektor, einen Wandel erfährt. Medienkompetenz ist längst nicht mehr die reine Bedienung von Technik und Software, sondern das Erkennen von manipulierenden Mechanismen. Sie muss sich also zu dem entwickeln, was unter digitaler Kompetenz verstanden wird. Ein Verständnis von Informationen und Daten, Kommunikation und Zusammenarbeit. Dazu gehören ebenfalls Kenntnisse über die Sicherheit der Geräte und personenbezogener Daten, sowie Möglichkeiten des Umgangs mit digitalen Technologien und beim Erstellen digitaler Inhalte [4].

Ausblick in die Forschung:

Bei der Frage nach Auswirkungen von digitalen Manipulationsmethoden handelt es sich um ein sehr junges Forschungsfeld, in welchem man erst am Anfang der Untersuchungen steht. Eine umfassende empirische Datenerhebung ist notwendig, um gesicherte Erkenntnisse zu erlangen. „Es gehe darum, ein eigenes Ökosystem mit einem komplexen Wechselspiel maschineller und menschengemachter Tweets zu verstehen.“ [5] Eine konkrete Beeinflussung der politischen Willensbildung ist schwer nachweisbar und Folgen für die Politik entsprechend schwer einschätzbar. Der Einfluss von digitalen Manipulationsmethoden auf die politische Willensbildung ist unter Experten umstritten. Im aktuellen Diskurs jedoch nicht bestritten, ist, dass sie vorhandene Tendenzen zumindest verstärken [5].

Bisher fehlen Erfahrungswerte über die tatsächlichen Auswirkungen des Umgangs mit Neuen Medien für Kinder und Jugendliche. Künftige Generationen werden jedoch immer mehr von Überschneidung der digitalen und analogen Lebenswelt geprägt sein. Deshalb muss ein Bewusstsein für die Komplexität von Informations- und Kommunikationstechnologien, dessen Interaktionen und Folgen für das analoge, gesellschaftliche Leben geschaffen werden. Ebenso kann ein Blick, weg vom Defizitären, hin zum Chancenreichtum helfen. Würde die Gesellschaft mehr über die Chancen und Möglichkeiten der Digitalisierung sprechen, dann wäre die Perspektive gegeben, auch Digitale Inklusion zu ermöglichen.

Dr. Angela Freche studierte Europastudien mit wirtschaftswissenschaftlicher Ausrichtung an der TU Chemnitz (B.A.) und Volkswirtschaftslehre an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (M.Sc.). Nach ihrem Studium war sie für mehrere Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin an den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten der TU Chemnitz und der TU Bergakademie Freiberg tätig. 2010 folgte der Wechsel an die Hochschule Mittweida. Sie koordinierte zeitgleich die ESF-Projekte MENTOSA Mentoring-Netzwerk Sachsen und Career Service an der Hochschule Mittweida bevor sie 2012 ihre derzeitige Position, das Management des BMBF-Projekts SEM (Realisierung neuer Lehr- und Lernformen durch Stärkung und Erweiterung des akademischen Mittelbaus) übernahm. Ihre Promotion schloss Frau Freche 2015 im Fachbereich Soziologie an der TU Chemnitz erfolgreich ab. Seit dem Sommersemester 2017 hält sie Lehrveranstaltungen zum Themenschwerpunkt “Inklusion” an der Fakultät Soziale Arbeit.

Jenny Gärtke-Braun ist Studierende an der Hochschule Mittweida und schließt voraussichtlich im Sommersemester 2018 ihr Masterstudium der Sozialen Arbeit ab. Sie erlernte nach dem Realschulabschluss den Beruf der staatlich geprüften Kinderpflegerin. Im Anschluss studierte sie Soziale Arbeit (B.A.) an der Hochschule Mittweida. Berufserfahrung sammelte sie als Leiterin eines offenen Kinder- und Jugendtreffs, der Kinder- und Jugendarbeit allgemein, ehrenamtlich in der Sexualpädagogik und in wissenschaftlichen Projekten. Als wissenschaftliche Hilfskraft im Projekt SEM unter Frau Dr. Freche, leistete sie Zu- und Eigenarbeit in den Bereichen Inklusion und Diversity. Der eingereichte Beitrag reiht sich thematisch in die Forschung zu ihrer kürzlich eingereichten Masterthesis zum Thema „Das politische Kapital der Angst. Digitale Manipulationsmethoden sowie Möglichkeiten der Prävention“ ein.

 

Quellenverzeichnis

[1] Zillien, Nicole: Digitale Spaltung – Reproduktion sozialer Ungleichheit im Internet. 14.11.2013. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Dialog. Die Netzdebatte. Risikogesellschaft. https://www.bpb.de/dialog/netzdebatte/171701/digitale-spaltung-reproduktion-sozialer- ungleichheiten-im-internet, verfügbar am 07.02.2018

[2] Statistisches Bundesamt (Hrsg.): D-Statis. IT-Nutzung. Private Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien. Computer- und Internetnutzung im ersten Quartal des jeweiligen Jahres von Personen ab 10 Jahren. https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/EinkommenKonsumLebensbedingungen/ITNutzung/Tabellen/ZeitvergleichComputernut zung_IKT.html, verfügbar am 07.02.2018

[3] Bude, Heinz; Eder, Andreas; Schreiber, Justina: Radiobeitrag und Interview. In: ARD-Mediathek. Radio. Bayern 2. Titel:  Die Macht von Stimmungen - Wenn Enttäuschung und Überdruss regieren.

[4] DigComp – Digital Competence Framework for citizens (Hrsg.): Knowledge. Overview. https://ec.europa.eu/jrc/en/working-with-us, verfügbar am 08.05.2018

[5] Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Gesellschaft / Medien & Sport / Krieg in den Medien / Kriegspropaganda / Was ist Propaganda? Was ist Propaganda? Nur wer Propaganda als solche erkennt, kann sich dagegen wehren. 01.10.2011. www.bpb.de/gesellschaft/medien-und-sport/krieg-in-den-medien/130697/was-ist-propaganda, verfügbar am 24.03.2018

 

Text und Grafiken: Dr. Angela Freche, Jenny Gärtke-Braun
Foto: Helmut Hammer