Schule und dann? Tag der Wirtschaft bringt Antworten

Dienstag 14. August 2018, 14:30

Informationsveranstaltung für Gymnasiallehrer zur Studien- und Berufsorientierung. Impulsreferate und Laborbesichtigungen an der Hochschule Mittweida.

Maik Kästner von der IHK Chemnitz

Der Traumberuf bedeutet für jeden Menschen etwas anderes: Die einen wünschen sich Spaß am Job, andere wollen sich selbst verwirklichen und wieder anderen ist eine gute Bezahlung wichtig. Und dann geht es auch darum, was man eigentlich gut und weniger gut kann. Kurz gesagt: Die Wahl des richtigen Berufs ist für Schüler eine der wichtigsten und schwierigsten Entscheidungen. Laut einer Umfrage haben aber 80 Prozent der sächsischen Schüler bis zum Abitur keine Vorstellung über ihre berufliche Zukunft.

Neben den Eltern, Berufsinformationszentren und Bildungsmessen übernehmen Lehrer bei der Berufsorientierung ihrer Schüler eine wichtige Rolle. Um die Pädagogen in ihrer Aufgabe zu unterstützen, hatte die Industrie- und Handelskammer Chemnitz (IHK) sowie das Landesamt für Schule und Bildung (LaSub) zu einer Informationsveranstaltung, dem „Tag der Wirtschaft“, an die Hochschule Mittweida eingeladen. Der Einladung folgten rund 50 Gymnasiallehrer, die meisten unter ihnen zuständig für Berufs- und Studienorientierung an ihren Schulen.

Berufsbildung ist eine ganzschulische Aufgabe

„Bisher war der Tag der Wirtschaft zumeist mit der Besichtigung eines Unternehmens verbunden. Dem Wunsch der Lehrer nach einem anderen und eher bildungsorientierten Umfeld konnten wir mit der Austragung des Tags der Wirtschaft an der Hochschule entgegenkommen“, erklärte Maik Kästner, Referent für Technologie und Innovation bei der IHK Chemnitz.

Der Prorektor Forschung der Hochschule Mittweida, Professor Uwe Mahn, begrüßte die Teilnehmer und stellte die Hochschule mit ihren Fakultäten und Studienrichtungen vor. Neun Impulsreferate informierten die Gymnasiallehrer im Anschluss über Methoden der Berufswahl sowie die Studien- und Ausbildungssituation im Kammerbezirk Chemnitz. Oliver Damm, Berater für Schule und Wirtschaft beim LaSuB, stellte die Rolle der Lehrer bei der Berufswahl eindrucksvoll heraus. Demnach habe die Schule die Aufgabe abzugrenzen, in welchen Bereichen die Stärken der Schüler liegen, und ihnen passende Studienrichtungen und Berufe vorzustellen. „Es gibt für Schüler keine bessere Motivation durch die Schulzeit, als zu wissen, in welchen Bereichen man gut ist und tätig sein möchte“, so Damm.

Viele Schüler und Eltern gehen bei der Berufswahl einen falschen Weg, sagte die stellvertretende Geschäftsführerin der IHK in der Region Mittelsachen Andrea Tippmer. Häufig denken Schüler nur darüber nach, was sie studieren wollen, und nicht, in welchem Beruf sie tätig werden wollen. „Das Vorgehen ist quasi falsch herum. Zuerst sollte man wissen, welchen Beruf man ausüben möchte. Dann ist es auch leichter herauszufinden, was man dafür studieren muss.“ Grundsätzlich sieht die IHK Berufsberatung als eine ihrer Kernaufgaben. Regelmäßig gibt es in ganz Sachsen Ausbildungsmessen, Wochen der offenen Unternehmen sowie ein jederzeit verfügbares Karriereportal, das freie Ausbildungs- und Praktikumsplätze anbietet.

Augen auf bei der Berufs- und Unternehmenswahl

Trotz der Beratung in Schulen und Angeboten wie denen der IHK fällt es Schülern häufig schwer, einen passenden Ausbildungs- oder Studienplatz zu finden. Laut dem selbstständigen Personalberater Dr. Christian Genz liegt das besonders an der Unternehmensauswahl: „Viele Schüler wollen bei den ganz großen Unternehmen wie VW oder hippen Startups arbeiten. Dabei gibt es viele Unternehmen, die nicht derart auffällig auftreten, aber dafür in ihren jeweiligen Nischen echte Marktführer sind“, erklärt Genz, der die Chemnitzer Personalagentur „Sachsentalent“ gründete und leitet. Diese sogenannten „Mauerblümchen-Firmen“ wirken oft in chancenreichen Gebieten wie der Fahrzeugsensorik oder der technischen Textilindustrie und bieten spannende Berufe für die Zukunft.

Umgang mit besonderen Situationen

Eine besondere schulische Betreuung und Beratungen benötigen Schüler, die im Leistungssport tätig sind. 14 Gymnasien und Oberschulen in Sachsen sind als Schulen mit einer sportvertiefenden Ausbildung eingetragen und haben die wichtige Aufgabe, Kindern sowohl den Weg zum Leistungssport als auch zum Bildungserfolg zu ebnen. Wie das funktionieren kann, zeigte beim Tag der Wirtschaft Professor André Schneider, der als Spitzensport-Koordinator an der Hochschule Mittweida unter anderen Olympiasieger Eric Frenzel betreut. Er sagte: „Wie in anderen Lebenslagen gibt es auch bei Spitzensportlern in der Schule oder Universität ein Inklusionsproblem. Wettkämpfe und die Sportarten sind nicht flexibel organisierbar. Deswegen müssen die Bildungseinrichtungen flexibel sein.“ Spitzensport ist kein Beruf für das ganze Leben. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass sich die Kinder schon frühzeitig Gedanken um den Anschluss ans Sportlerleben machen. Schneider rät Lehrern im Umgang mit Spitzensportlern, die Ziele der Schüler ernst zu nehmen und sie zu unterstützen. „Heutzutage kann man online mit E-Learning arbeiten, Tutoren zu Verfügung stellen, individuelle Lehrpläne schaffen und einfach als Ansprechpartner da sein.“

Frühe Förderung

Es gibt aber auch Kinder, die schon ganz früh wissen, wo es beruflich hingehen soll und die bereits in jungen Jahren wichtige Erfahrungen sammeln. So beispielsweise bei der MINT-Orientierung der Solaris GmbH in Chemnitz. Gesine Schröter ist Leiterin des Forschungszentrums, in dem Kinder sich in den Gebieten Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik austoben können. Sie verrät: „Kinder ab der Klassenstufe fünf können einmal die Woche bei uns lernen, forschen und tüfteln. Wir lassen sie eigene Lösungswege entdecken, und es entstehen so schnell Ideen für die berufliche Zukunft.“

Der Physiker Dr. Steffen Seeger von der TU Chemnitz freut sich über derartige außerschulische Angebote und betonte beim Tag der Wirtschaft den Nutzen: „Außerschulische Erfahrungen, beispielsweise in derartigen Forschungslaboren, stärken die Erfahrungen der Kinder und damit auch ihr Interesse an der Thematik. Sie fördern auch die Persönlichkeit, denn es macht jeden Schüler schwierige Herausforderungen selbstständig zu lösen.“

Eine sogenannte Talenteshow ist der Weg, den das Mittweidaer Unternehmen IMM electronics eingeschlagen hat, um Kinder für die Forschung zu begeistern. Bei der Show können junge Forscher ihre Erfindungen mit den Profis teilen. Dabei kann jeder gewinnen und es gibt keine Altersgrenze. „Uns ist wichtig, die Kinder schon frühzeitig bei ihrer Forschung zu unterstützen. Natürlich erhoffen wir uns auch, Talente für unser Unternehmen entdecken zu können“, so Professor Detlev Müller, geschäftsführender Gesellschafter der IMM electronic GmbH.

Im Anschluss berichtete Jana Gaudich, Fachreferentin für studienbegleitende Förderung an der Hochschule Mittweida, über das Deutschlandstipendium: Studenten und Abiturienten können sich, sobald sie an einer Hochschule immatrikuliert sind, für die Förderung in Höhe von monatlich 300 Euro bewerben. Voraussetzung sind gute schulische Leistungen, ehrenamtliches Engagement und beispielsweise besondere Herausforderungen persönlicher oder finanzieller Art. Die Förderung erhalten die Studenten dann für zwei Semester, eine Verlängerung ist möglich. Das Besondere am Deutschlandstipendium: Die Hälfte des Stipendiums leisten Förderer aus der Wirtschaft wie beispielsweise IMM electronics. Das Mittweidaer Unternehmen fördert ein zweckgebundenes sowie ein ungebundenes Stipendium. „Ziel des Deutschlandstipendiums ist es natürlich, die Studierenden zu unterstützen, aber auch ihnen Verbindungen in die Wirtschaft und untereinander zu ermöglichen“, erklärt Jana Gaudich.

Besichtigung der Hochschule Mittweida

Nach dem impulsreichen Vormittag informierten sich die Teilnehmer des Tages der Wirtschaft in drei beispielhaften Laboratorien über Karrierechancen für Schüler. So besuchte eine Gruppe das Forensik-Labor der Hochschule Mittweida und lernte die Anforderungen an das Berufsfeld des Cyberkriminologen kennen. In einer zweiten Gruppe ging es um das Fachgebiet der Bioinformatik und die damit verbundenen Anforderungen im Studium. Beeindruckt zeigten sich die Teilnehmer besonders von den vielfältigen Einsatzgebieten und Forschungsbereichen. Eine dritte Gruppe widmete sich im 2016 eingeweihten Forschungsneubau des Laserinstituts einem weiteren Exzellenzbereich der Hochschule Mittweida.

Bei einer Befragung nach der Veranstaltung bewerteten knapp 70 Prozent der Teilnehmer den Tag der Wirtschaft als wertvoll für ihre zukünftige beratende Tätigkeit.

Text und Bilder: Daniela Möckel