Wenn die deutschen Rennschlittenathlet:innen in Cortina d’Ampezzo bei den Olympischen Winterspielen 2026 um Medaillen kämpfen, steckt hinter den rasanten Fahrten nicht nur sportliches Können, sondern auch Forschung aus Mittweida. Als Partnerhochschule des Spitzensports unterstützt die Hochschule Mittweida das deutsche Rennschlittenteam mit geballter Expertise in Materialwissenschaften sowie Datenaufnahme und -auswertung. Das Ziel: Reibungsverluste minimieren, Aerodynamik perfektionieren und Stabilität bei Höchstgeschwindigkeit sichern. Ergänzend dazu werden umfangreiche Daten aus Testfahrten analysiert, um die Performance von Athlet:innen und Material unter realen Bedingungen exakt zu bewerten.
Fokus Forschung: Mit Highspeed und Hightech im Eiskanal zur Medaille
Fokus Forschung: Mit Highspeed und Hightech im Eiskanal zur Medaille
Warum beim Rennrodeln zu den Olympischen Winterspielen immer auch ein Stück Mittweida dabei ist
Kraftmessungen für die optimale Fahrlinie
Beim Rodeln im Eiskanal können kleinste Gewichtsverlagerungen und Lenkbewegungen auf dem Schlitten große Auswirkungen auf die Fahrkurve und damit die Fahrzeit haben. In den Trainingsläufen werden daher an den Rennschlitten Sensoren und eine Kamera angebracht, die den Trainern in der Auswertung gemeinsam mit den Sportler:innen ermöglichen, jede kleinste Bewegung und deren Auswirkung während des Laufes zu analysieren und anschließend zu optimieren. Kern ist dabei die Erfassung der Interaktion zwischen Sportler und Rennschlitten – die dabei wirkenden Kräfte kann man nicht sehen, man muss sie messen. Die Messtechnik ist in einer robusten „Bluebox“ untergebracht, die den großen Erschütterungen trotzt. In Kombination mit einer Hochgeschwindigkeitskamera entstehen 120 Bilder pro Sekunde bei bis zu 130 km/h – jedes Bild verknüpft mit Kraftdaten. So lässt sich genau nachvollziehen, welche Kräfte an welcher Stelle der Bahn wirken und wie sie die Fahrlinie beeinflussen. Entwickelt haben dieses System federführend die beiden Mittweidaer Professoren Christian Schulz und Tobias Czauderna in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit Kollegen anderer Bereiche.
Christian Schulz, der bis Februar 2024 Inhaber der Professur Automatisierungstechnik an der Hochschule Mittweida war, entwickelte gemeinsam mit Dr. Jörg Krupke die soft- und hardwaretechnischen Komponenten für die Datenaufnahme. Claudius Petzold druckte das Gehäuse für die Messtechnik im Schlitten mittels 3D-Druck. Tobias Czauderna, Inhaber der Professur VR/AR-Technologien und Mensch-Technik Interaktion, und Christian Roschke, Professor für Digitale Transformation und Angewandte Medieninformatik, sorgten dafür, dass eine Software Videodaten mit Kraftdaten synchronisiert – für eine detaillierte Rennauswertung.
Temperaturmessung für das optimale Material
Die Bluebox kann auch andere Messdaten erfassen, etwa die Temperatur an mehreren Messstellen. Mit diesen Messwerten lassen sich das Temperaturverhalten der Laufschiene während des Rennlaufes dokumentieren und daraus Rückschlüsse auf das Material und dessen Optimierung ziehen.
Benötigt werden diese Daten von Professor Frank Müller, bis 2020 Professor für Werkstofftechnik an der Hochschule Mittweida. Sein Steckenpferd ist seit vielen Jahren die Optimierung der Materialeigenschaften der Kufen bzw. Schienen der Schlitten. Dabei spielen die Werkstoffauswahl und dessen Bearbeitung zur Optimierung der Gleitreibung eine wichtige Rolle. Begonnen hat die Zusammenarbeit mit dem Olympiastützpunkt in Oberhof schon im Jahr 2005, als eine Sportfördergruppe der Bundeswehr zu Besuch in Mittweida war und Matthias Höpfner (deutscher Bob-Pilot) sich mit Frank Müller unterhielt. Gemeinsam mit seinem Kollegen Professor Eckhard Wißuwa tüftelte Müller fortan an der Frage, wie die Bobkufen schneller werden könnten. Dabei spielte auch die Laserstrukturierung eine Rolle. Bei den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver kamen die „Mittweidaer Kufen“ zum Einsatz. Claudia Schramm wurde damit 7. im Zweierbob. 2013 folgte der Wechsel zum Rennschlittenteam, dort waren es keine Kufen mehr, die Müller optimierte, sondern Laufschienen. Als 2014 bei den Olympischen Spielen in Sotschi alle Rennrodelwettbewerbe von deutschen Athlet:innen gewonnen wurden, waren beim Team aus Oberhof auch wieder „Mittweidaer Ideen“ am Start. 2022 in Peking war Frank Müller dank Kommunikationstechnik beinahe live bei den Wettkämpfen dabei und konnte aus dem Hintergrund noch so manchen wertvollen Tipp beisteuern.
Messsysteme für optimale Trainingsbedingungen
Mitte Januar 2024 wurde zwischen der Hochschule Mittweida und dem Thüringer Schlitten- und Bobsportverband (TSBV) Olympiastützpunkt Oberhof ein Kooperationsvertrag geschlossen, der die Zusammenarbeit im Bereich der datenfusionierten Messung und Auswertung dokumentiert.
Link zur HSMW-News
Im Ergebnis der Materialentwicklungen konnten zur Weltmeisterschaft in Whistler Mounten im Januar 2025 sowohl bei den Frauen als auch Männern insgesamt 7 WM- Goldmedaillen eingefahren werden.
Bundestrainer Andi Langenhan, Olympiastützpunkt Oberhof, ist begeistert: „Das ist genau das, was wir brauchen“.
Der letzte Stand und der „Feinschliff“ des Messsystems für einen unkomplizierten Einsatz unter den harten Trainingsbedingungen an den Bahnen wurden im November 2025 in Oberhof besprochen.