Fokus Forschung: Niederländische Promotionsrituale – von Paranymphen, einem Pedell und lateinischen Rufen

Fokus Forschung: Niederländische Promotionsrituale – von Paranymphen, einem Pedell und lateinischen Rufen

Forschung, Kooperative Promotionen

Katrin Pförtner verteidigte erfolgreich ihre Promotion an der Universität Groningen

Drei Personen, zwei davon im Talar, stehen an einer Klinkerwand und halten große Bilderrahmen in den Händen
Katrin Pförtner hält ihre Promotionsurkunde in den Händen gemeinsam mit Kerstin Bunte (PHD-Supervisor. seitens Univ. Groningen) und Thomas Villmann (daily-supervisor)

Am Anfang eines Promotionsvorhabens macht man sich naturgemäß noch recht wenige Gedanken über dessen Ende. Wenn man, so wie Katrin Pförtner, jedoch an einer niederländischen Universität, in diesem Falle der Universität Groningen, promoviert, sollte man sich schon beizeiten und auch ein paar mehr Gedanken zur Verteidigung machen. Die Niederlande haben bis heute eine formalisierte Promotionszeremonie, bei der Prüfung und Festakt verschmelzen und bei der historische Rituale zwingend beachtet werden müssen.

Aber der Reihe nach: Katrin Pförtner begann - als Katrin Bohnsack – im Jahr 2020 ihre Forschungstätigkeit in der Nachwuchsforschergruppe „MaLeKita“ am SICIM (Sächsisches Institut für Computational Intelligence und Machine Learning) und in der CI- Forschungsgruppe von Professor Thomas Villmann, Professor für Computational Intelligence (CI) und Techno-Mathematik an der Hochschule Mittweida.

Ihre Dissertation schrieb sie zum Thema: “Representations of structured biological data and prototype-based machine learning” – übersetzt “Darstellungen strukturierter biologischer Daten und prototypbasiertes maschinelles Lernen“. Im Abstract der Arbeit heißt es: „Biologische Daten wie Proteinstrukturen und DNA-Sequenzen sind von Natur aus komplex und variieren stark in Form und Größe. Diese Komplexität stellt eine Herausforderung für Standard-Tools des maschinellen Lernens (ML) dar, die in der Regel einfache Eingaben mit fester Größe erfordern. In sensiblen Bereichen wie der Biomedizin ist es von entscheidender Bedeutung, dass unsere Modelle nicht nur genau, sondern auch interpretierbar sind; wir müssen verstehen, warum eine Klassifizierungsentscheidung getroffen wurde. Diese Forschung konzentriert sich auf zwei Schlüsselstrategien, um diese Lücke zu schließen: intelligente Datendarstellung und interpretierbares Klassifikationslernen im Kontext der Bioinformatik.“

Die Forschungen zu dieser Promotion wurden 2024 mit dem Wissenschaftspreis der Hochschule Mittweida gewürdigt. Zudem wurden die Forschungsarbeiten von Frau Dr. Pförtner auf verschiedenen Konferenzen ausgezeichnet.

Betreut wurde die kooperative Promotion von den Professor:innen Kerstin Bunte und Michael Biehl von der Universität Groningen und Professor Thomas Villmann von der HSMW als sogenannter „daily supervisor“.

Thomas Villmann bescheinigt seinem ehemaligen Schützling eine sehr engagierte und zielstrebige Arbeitsweise. „Katrin hat sich während ihrer Promotionszeit durch schwierige mathematische Gefilde gekämpft und diese in beeindruckender Weise mit biologischen Strukturen verknüpfen können. Damit werden verschiedene bioinformatische Daten überhaupt erst für die angewandte KI-Forschung nutzbar. Diese Arbeit ist auch für nachfolgende Forschende ein Fundus sowie Anregung, tiefer über die mathematische Formulierung bio-struktureller Daten nachzudenken.“, so Villmann.

Anfang Dezember 2025 war es dann soweit. Im altehrwürdigen Promotionssaal im Akademiegebäude der Universität Groningen trafen das Prüfungskomitee, bestehend aus den Promotionsbetreuer:innen, und die Kandidatin aufeinander, um die Verleihung des Doktortitels zu prüfen.

Katrin Pförtner wurde dabei von zwei Paranymphen begleitet, den traditionellen Begleiter:innen eines Doktoranden oder einer Doktorandin während der niederländischen Promotionsverteidigung. Ursprünglich waren Paranymphen aktive Unterstützer, die dem Promovenden fachlich beispringen sollten, wenn dieser aufgrund von Krankheit, Unfall oder Überforderung eine Frage nicht beantworten konnte. In der frühen akademischen Tradition dienten sie sogar als eine Art Leibwächter: bei hitzigen akademischen Streitgesprächen sollte verhindert werden, dass Diskussionen in Handgreiflichkeiten ausarten. Heutzutage umfassen ihre Aufgaben vor allem die formelle Begleitung des Promovenden während der Zeremonie und die Unterstützung bei organisatorischen Aufgaben. Paranymphen sind zudem wichtige emotionale Stützen: Sie helfen beim Ablauf, beruhigen den Promovenden im Vorfeld, begleiten ihn im „Warteraum“ (Zweetkamertje) und sorgen insgesamt für einen würdevollen Rahmen. So liegt es nahe, dass vor allem Freunde, Familienmitglieder oder Kollegen die Rolle der Paranymphen übernehmen.

Verteidigen im handgreiflichen Sinne mussten die beiden Mittweidaer Paranymphen Dres. Marika Kaden und David Nebel glücklicherweise Katrin Pförtner während der Verteidigung ihrer Dissertation nicht. Rede und Antwort stehen musste sie allein.

Angeführt wurde die Verteidigung vom Pedell, einer Art Zeremonienmeister oder Universitätsdiener, der die akademische Ordnung und Tradition symbolisiert. Nach 45 Minuten Befragung rief dieser die befreienden Worte „Hora Finita” („Die Stunde ist zu Ende”) und die Prüfungskommission zog sich kurz zur Beratung zurück.

Bei der Verleihung des Doktortitels lobte die Kommission ausdrücklich die Lehrbuchqualität der Arbeit, ein großes Kompliment an Katrin Pförtner!

Alle, die sich für die Schnittstelle zwischen Bioinformatik und maschinellem Lernen interessieren, können die Dissertation unter diesem Link nachlesen.

Wir gratulieren Frau Dr. phil. Katrin Pförtner ganz herzlich und wünschen alles Gute für die weitere Karriere!

Text: Marika Kaden, Annett Kober
Fotos: privat

Frau Dr. Pförtner wurde in ihrer Promotionszeit an der Hochschule Mittweida u.a. mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) (Förderkennzeichen: 100381749) in der Nachwuchsforschergruppe „Maschinelles Lernen und KI in Theorie und Anwendungen (MaLeKITA)“ in den Jahren 2020 bis 2023 gefördert.