Röbbe Wünschiers legt die zweite und erweiterte Auflage seines Buches „Generation Gen-Schere“ vor und spricht über „Gentechnik im Wandel“ auf der Leipziger Buchmesse.
Vor dem Schreiben kommt das Lesen, Verdauen und Verknüpfen
Im Juli 2018 verkündete der Europäische Gerichtshof (EuGH) ein denkwürdiges Urteil: Auch mit neuen genomischen Techniken, wie der Genschere CRISPR/Cas, behandelte, sogenannte genomeditierte Pflanzen fallen ohne Einschränkung unter die geltenden Gentechnik-Gesetze. Das Urteil traf die Pflanzenbiotechnologie mitten ins Mark. Selbst Kulturpflanzen, die auch Zufallsprozesse (Mutationen) auf natürliche Weise oder durch traditionelle Züchtung hätten entstehen können, bedürfen eines vollständigen, kostspieligen Antragsverfahrens und gelten als „gentechnisch verändert“. Professor Röbbe Wünschiers (Fakultät CB) erstellte seinerzeit dazu mit Medien-Studierenden und der Hilfe von Professorin Rika Fleck ein Erklärvideo.
Seit dem EuGH-Urteil ringt die EU um eine Änderung der Freisetzungsverordnung zugunsten einer differenzierten Regulierung gentechnisch veränderter Pflanzen. Endlich, 2023, legte die Europäische Kommission ihren Vorschlag für eine neue Verordnung dem Europäischen Parlament und Rat der EU vor. Jüngst, im Dezember 2025, einigten sich das Parlament und der Rat auf erleichterte Vorschriften für den Anbau und den Einsatz von Pflanzen, die mit neuen genomischen Techniken wie CRISPR/Cas gezüchtet werden. Da kommt das neue Buch von Professor Wünschiers gerade recht.
Herr Wünschiers, was war die Motivation für die zweite Auflage?
Nun, die erste Auflage erschien 2019, ein Jahr nach dem EuGH-Urteil und ein Jahr vor der Verleihung des Nobelpreises für die Nutzbarmachung der Genschere CRISPR/Cas zur Genomeditierung. Für uns Biotechnologen ist diese Genschere ein „Game Changer“: Genau einen von Milliarden Bausteinen eines Erbguts zu verändern, etwa das Basenpaar AT in das Basenpaar CG, war bis dato sehr aufwendig. Mit der Genschere ist es sehr einfach. Seit 2019 ist viel passiert: 2021 wurde in Japan das erste mit der Genschere veränderte Lebensmittel zugelassen, eine Tomate. 2022 folgte in den USA die Zulassung eines genomeditierten Rinds und 2024 in der EU die Zulassung der ersten Gentherapie für die Sichelzellerkrankung. Das Ringen um die europäische Regulierung der Genschere war für mich der Anlass, das neue Kapitel „Gene und Gesetze“ zu schreiben.
Im Untertitel steht das Schlagwort KI. Was hat das mit Genen zu tun?
Künstliche Intelligenz, speziell deren Anwendung als maschinelles Lernen und in DNA-Sprachmodellen, ist ein wichtiges Werkzeug, um mit den großen, vor allem diagnostischen, Datenmengen zu arbeiten und biologische Systeme verstehen zu lernen. Diesen Aspekt habe ich an verschiedenen Stellen im Text erweiternd eingebracht.
Der Titel des Buches hat sich verändert. Warum?
(lacht) Das ist eine längere Geschichte. Kurz: Obwohl wir im Titel der ersten Auflage einen Bindestrich bei der „Gen-Schere“ verwenden, haben komischerweise viele, vor allem ältere Personen, reflexartig „Generation Genscher“ gelesen. Der 2016 gestorbene Hans-Dietrich Genscher war von 1974 bis 1992 Außenminister der Bundesregierung. Im Kontext des geplanten Wandels der Regulierung der neuen genomischen Techniken in der EU schlug meine Editorin beim Verlag SpringerNature vor, diesen Wandel im Titel anzusprechen – und Genscher von der Gentechnik zu befreien.
Die Liste Ihrer Bücher ist recht lang. Ist Ihnen langweilig?
Nein, durchaus nicht. Es ist Teil meines Berufsverständnisses, akademisches Wissen mit der Öffentlichkeit zu teilen. All mein Wirken bezahlen die Steuerzahler, und ich möchte ihnen die Möglichkeit bieten, teilzuhaben. Andere produzieren beispielsweise Patente; es gibt da viele Wege. Möglich ist mir das aber nur, weil ich in Teams eingebettet bin, die mir die Arbeit an Veröffentlichungen ermöglichen. Neben Hochschule, Fakultät und Fachgruppe ist das natürlich meine Familie. Das Schreiben ist ja nur die sichtbare Seite des Publizierens, das Recherchieren die unsichtbare.
Gibt es schon Ideen für weitere Projekte?
Klar. Dem Themenbereich KI wird sicherlich mal ein eigenes Kapitel gewidmet. Derzeit spiele ich beispielsweise mit AlphaGenome, einem Deep Learning Modell von Google Deepmind, das die Wirkung von Punktmutationen im menschlichen Genom vorhersagt. Wenn ich verstanden habe, was das Modell kann, dann kann ich auch darüber schreiben.
Fakten
„Gentechnik im Wandel“ ist beim Verlag SpringerNature erschienen.
Auf der Leipziger Buchmesse stellt Röbbe Wünschiers sein Buch bei Leipzig Liest am 19. März 2026 von 15:00 Uhr bis 15:30 Uhr in Halle 2 Stand C601/D600 vor.
Die Leipziger Buchmesse ist der wichtigste Frühjahrstreff der Buch- und Medienbranche und verbindet Leser:innen, Autor:innen, Verlage und Medien – nicht nur aus Deutschland, sondern aus der ganzen Welt. Sie alle kommen nach Leipzig, um die Vielfalt der Literatur zu erleben, Novitäten zu entdecken und neue Blickwinkel zu erhalten. Die Leipziger Buchmesse findet im Verbund mit der Manga Comic Con und dem Lesefestival Leipzig liest vom 19. bis 22. März 2026 statt. Weitere Informationen zur Messe gibt es unter folgendem Link: https://www.leipziger-buchmesse.de/de/
Die Hochschule Mittweida stellt sich mit den Publikationen der HSMW-Angehörigen am Stand D307 in Halle 2 vor.
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