Promotionsstipendiatin Mirjam Werner forscht an der Fakultät Soziale Arbeit der HSMW zu Stress durch Self-Tracking – mehr als ein Sportthema.
Mirjam Werner promoviert an der Hochschule Mittweida. Ein Stipendium der Hochschule unterstützt sie.
Frau Werner, zunächst herzlichen Glückwunsch zum Stipendium. Darauf kommen wir später noch zurück. Zunächst geht es uns um Ihr Promotionsthema „Technostress durch Self-Tracking. Zur Entstehung, Wahrnehmung und Bewältigung digitaler Belastungen im Sportkontext“. Klingt spannend. Können Sie bitte kurz erklären, um was es dabei geht.
Mirjam Werner: Vielen Dank. Und ja, gern. Ich untersuche die Wahrnehmung und Bewältigung von Technostress, der durch die Nutzung von Self-Tracking-Technologien wie Sportuhren, Brustgurte oder Radcomputer entstehen kann – sei es aus sportlichem Ehrgeiz allein oder durch externe Anreizsysteme, die an getrackte Aktivitätsdaten gekoppelt sind, zum Beispiel über Programme der Krankenkassen. Bereits in meinem Masterprojekt konnte ich zeigen, dass diese kontinuierlich beobachtenden und bewertenden Gadgets bei den Nutzer:innen Druck erzeugen können. Besonders spürbar wird das in Phasen verminderter Leistungsfähigkeit oder Motivation. Die Promotion baut darauf auf und untersucht, wie Sportler:innen diese Belastungen bewältigen – und welche Faktoren ihnen helfen, die Vorteile des Self-Trackings effektiver zu nutzen.
Solche Erfahrungen dürften viele sportlich Aktive gemacht haben. Sie auch?
Ja, tatsächlich. Der Ausgangspunkt für meine Forschung ist eine persönliche Erfahrung aus meiner aktiven Zeit im Triathlon. Kurz vor dem Start zu einer Laufeinheit merkte ich, dass der Akku meiner Uhr nicht ausreichen würde, um das Training aufzuzeichnen. Obwohl ich nur zu diesem Zeitpunkt trainieren konnte und mir ein Ausfall Nachteile brachte, entschied ich mich, zuhause die Uhr zu laden und das Training auszusetzen. Mir war die technische Erfassung wichtiger geworden als das Training selbst.
Und aus sportlichem wurde wissenschaftlicher Ehrgeiz?
Beides ergänzt sich sehr gut. (Schmunzelt) Hier treibt mich die Neugier. Ich liebe es, Dinge zu hinterfragen und Zusammenhänge zu verstehen. In meiner Doktorarbeit verfolge ich deshalb einen mehrstufigen Forschungsansatz mit qualitativen und quantitativen Zugängen. Zunächst untersuche ich, welche Formen von Technostress durch Self-Tracking im Triathlon entstehen, wie diese wahrgenommen werden und welche Bewältigungsstrategien Sportler:innen entwickeln. Dabei stelle ich auch geschlechterspezifische Besonderheiten in den Fokus. Der Triathlonsport ist ein ideales Forschungsfeld, nicht, weil ich da sportlich herkomme, sondern weil alle drei Disziplinen – Schwimmen, Radfahren und Laufen – heute stark datenbasiert organisiert und digital vermessbar sind. Darauf baue ich auf und richte den Blick vertiefend auf die Besonderheiten von Frauen. Sie sind gerade in den Bereichen Sport und Gesundheit noch zu wenig erforscht.
Ausgangspunkt für die Forschung
Professor Alexander Zill betreut die Promotion von Mirjam Werner.
In einem weiteren Schritt untersuche ich, wie sich die Erkenntnisse über den Triathlonsport hinaus auf alltägliche Praktiken digitaler Selbstvermessung übertragen lassen. Denn es ist offensichtlich: Digitale Selbstvermessung ist kein vereinzeltes oder rein sportbezogenes Phänomen. Sie ist längst im Alltag vieler Menschen angekommen. Auch sportlich weniger Aktive tragen Smartwatches, zählen Schritte, kontrollieren Schlafdaten, Puls, Kalorienverbrauch und beobachten ihre Daten im zeitlichen Verlauf. Solche Technologien versprechen Orientierung und Motivation, können aber auch das Gefühl erzeugen, ständig etwas verbessern zu müssen. Meine Forschung soll dazu beitragen, besser zu verstehen, wann digitale Selbstvermessung unterstützend wirkt und unter welchen Bedingungen sie Druck, schlechtes Gewissen oder Überforderung auslösen kann. Mit anderen Worten. Ich will einen Beitrag leisten, digitale Technologien langfristig bewusster, gesünder und „menschenfreundlicher“ zu gestalten.
Da verwundert es auch nicht, dass Ihre Arbeit an einer Fakultät für Soziale Arbeit angesiedelt ist.
Genau. Das Promotionsprojekt berührt zentrale Fragen der digitalisierten Lebenswelt von Menschen: Wie verändert Technik das Selbstverhältnis? Wann wird Unterstützung zu Kontrolle? Und was passiert, wenn Messbarkeit zum dauerhaften Alltagsbegleiter wird? Wie entwickelt sich eine Gesellschaft, in der Daten, Vergleichbarkeit und Selbststeuerung mehr und mehr an Bedeutung gewinnen? Zu fragen, wie Menschen mit Anforderungen umgehen und welche Ressourcen und Hilfen sie dafür benötigen, ist eine zentrale Aufgabe Sozialer Arbeit. Es ist dabei ein großer Vorteil der Hochschule Mittweida, in Rufnähe zu Kolleg:innen zu sein, die an anderen Fakultäten an der Erforschung und Anwendung digitaler Techniken arbeiten. (lächelt)
So schließt sich der Kreis. Was bedeutet für Sie das Stipendium?
Ich bin der Hochschule Mittweida sehr dankbar für das Vertrauen in meine Person und das Zutrauen in meine Arbeit. Das Stipendium gibt mir in einer entscheidenden Qualifikationsphase verlässlichen Rückhalt und Freiraum. Zugleich ist es ein starkes Signal der Hochschule: Sie formuliert Gleichstellung nicht nur als Anspruch, sondern setzt sie konkret um. Die Begegnung mit der Namensgeberein, Frau Professorin Monika Häußler-Sczepan, war ebenso erfrischend wie ermutigend. Sie sprüht vor Leidenschaft für den wissenschaftlichen Nachwuchs und bestärkt mich darin, meinen Weg weiterzugehen.
Mirjam Werner mit Professorin Monika Häußler-Sczepan
Zur Person
Mirjam Werner (32) ist seit März 2026 Trägerin des Monika-Häußler-Sczepan-Stipendiums der Hochschule Mittweida – benannt nach der Mittweidaer Soziologin und Prorektorin für Bildung der HSMW. Es unterstützt promovierende Frauen über einen Zeitraum von drei Jahren mit monatlich 1.700 Euro. Werner arbeitet seit Januar 2025 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät Soziale Arbeit und promoviert bei Prof. Dr. Alexander Zill, Inhaber der Professur für psychologische Grundlagen Sozialer Arbeit. Sie hat einen Bachelorabschluss in Soziologie (2016) und einen Masterabschluss in Techniksoziologie der TU Chemnitz (2024). Dort betreut sie im kooperativen Verfahren der Leiter der Juniorprofessur „Soziologie mit Schwerpunkt Technik“, Dr. Andreas Bischof.
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