Fokus Forschung: Ein „Ritterschlag“ für die KI-Forschung an der Hochschule Mittweida

Fokus Forschung: Ein „Ritterschlag“ für die KI-Forschung an der Hochschule Mittweida

Forschung

Professor Thomas Villmann wird Mitglied der National Academy of Artificial Intelligence

Portrait einer männlichen Person mit Bart und Brille
Forscherexzellenz mit Bodenständigkeit: Professor Thomas Villmann, Member of NAAI

Ein besonderer Meilenstein für die KI-Forschung an der Hochschule Mittweida: Professor Thomas Villmann, Inhaber der Professur Computational Intelligence und Techno-Mathematik an der Fakultät Angewandter Computer- und Biowissenschaften und Institutsdirektor des SICIM (Sächsisches Institut für Computational Intelligence und Machine Learning), wurde in die renommierte National Academy of Artificial Intelligence (NAAI) aufgenommen – eine Auszeichnung, die weltweit nur ausgewählten Persönlichkeiten zuteil wird. Die Mitgliedschaft gilt als echtes Qualitätssiegel für wissenschaftliche Exzellenz. Mit dieser Ehrung zählt Professor Thomas Villmann künftig zu einem exklusiven Kreis internationaler Expertinnen und Experten, die die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz maßgeblich prägen. Im Interview erzählt er, was die NAAI ist und was diese Ehrung bedeutet.

Professor Villmann, zunächst erst einmal ganz herzliche Glückwünsche zur Aufnahme in die NAAI! Was denkt man in so einem Moment?

Thomas Villmann: Vielen Dank. Ein wenig fühlt man sich schon wie der berühmte Zauberlehrling, der für würdig befunden wird, in die Zauberschule aufgenommen zu werden. (lacht) Aber nein, im Ernst: Ich bin dankbar und auch gerührt und fühle mich geehrt, dass meine, dass unsere KI-Forschung an der Hochschule Mittweida diese Anerkennung erfährt und als weltweit maßgebend erachtet wird.

Was ist die NAAI und welche Ziele verfolgt sie?

Thomas Villmann: Die NAAI versteht sich als unabhängiges Netzwerk führender Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Technologie. Ihr Ziel ist es, den verantwortungsvollen Fortschritt im Bereich der Künstlichen Intelligenz zu fördern, den interdisziplinären Austausch zu stärken und Impulse für gesellschaftlich relevante Innovationen zu setzen. Sie bündelt führende Köpfe aus Forschung, Wirtschaft und Technologie und schafft einen Raum für Austausch auf höchstem Niveau. Weiterhin setzt die Akademie thematische Schwerpunkte, identifiziert Zukunftstrends und trägt dazu bei, Forschungs- und Innovationsagenden zu prägen. Durch Leitlinien und Empfehlungen wirkt sie an der Diskussion um ethische, gesellschaftliche und regulatorische Fragen der KI mit.

Wie wird man Mitglied und wer sind die Mitglieder?

Thomas Villmann: Die Aufnahme in die NAAI ist kein Routinetitel, sondern ein echter „Ritterschlag“. Die Aufnahme erfolgt nach einem strengen Auswahlverfahren und ist an klare Qualitätsmaßstäbe gebunden. Besonders entscheidend sind dabei herausragende wissenschaftliche Leistungen im Bereich Künstliche Intelligenz, ein nachweisbarer Impact – z. B. durch wegweisende Publikationen, Innovationen oder erfolgreiche Transferprojekte sowie Praxisrelevanz und die Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg. Weiterhin werden bei der Auswahl die internationale Sichtbarkeit und Anerkennung innerhalb der Fachcommunity beachtet sowie das Engagement für verantwortungsvolle KI, etwa im Hinblick auf Ethik, Transparenz und gesellschaftliche Wirkung. Man kann sich auch nicht einfach so um eine Mitgliedschaft bewerben, sondern die Berufung erfolgt in der Regel auf Vorschlag bestehender Mitglieder („Nomination“) und wird durch ein Auswahlgremium geprüft, dessen Mitglieder mit einer 70%igen Mehrheit der Aufnahme zustimmen müssen – die Aufnahme ist somit eine bewusste und exklusive Entscheidung. Die NAAI vereint einen ausgewählten Kreis von ca. 1000 Personen weltweit, Persönlichkeiten, die die KI-Entwicklung aktiv prägen, wie führende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Universitäten und Forschungseinrichtungen, Innovationsführer aus der Wirtschaft, Vordenker aus Politikberatung und Gesellschaft, die an strategischen und ethischen Fragen arbeiten und Entrepreneure und Pioniere, die KI erfolgreich in Produkte, Start-ups oder neue Geschäftsmodelle überführt haben. Nicht zuletzt sind auch vier Nobelpreisträger Mitglied der NAAI.

Was haben Sie persönlich von der Mitgliedschaft und wie profitiert die HSMW-KI-Forschung davon?

Thomas Villmann: Für mich selbst bedeutet die Mitgliedschaft zunächst erst einmal die Anerkennung unserer Forschungsexzellenz. Neben dem Zugang zu exklusiven Plattformen und Gremien bedeutet sie aber auch mehr Verantwortung und damit gestiegene Erwartungen, der eigene Wirkungskreis erweitert sich, man ist an der Mitgestaltung gesellschaftlicher Entwicklungen beteiligt. Mit der Aufnahme gehen auch neue Aufgaben und Chancen einher. Mitglieder der NAAI engagieren sich in internationalen Fachgremien, geben strategische Impulse für die Weiterentwicklung von KI-Technologien und tragen dazu bei, ethische Leitlinien für deren Einsatz zu formulieren. Gleichzeitig eröffnet die Akademie Zugang zu einem hochkarätigen Netzwerk, das den Austausch über Länder- und Disziplingrenzen hinweg intensiviert. Die Hochschule stärkt mit der Mitgliedschaft ihre Sichtbarkeit als Ort angewandter Spitzenforschung, sowohl regional als auch im internationalen Kontext. Wir bekommen noch direkteren Zugang zu relevanten Themen internationalen Netzwerken und Praxis-Kontakten. Forschungserfolge werden international stärker wahrgenommen und neue internationale Partnerschaften entstehen. Kurz gesagt: Die Berufung in die NAAI ist sowohl Auszeichnung als auch Auftrag.

Wie geht es jetzt weiter?

Thomas Villmann: Mein „Einstand“ bei der NAAI wird die Jahrestagung im Oktober 2026 sein, die für mich fast ein „Heimspiel“ sein wird, da sie voraussichtlich in Frankfurt/M. stattfindet. Dort werde ich erstmals am Gremium teilnehmen und mich mit den anderen Akademie-Mitgliedern persönlich treffen können.

Woran forschen Sie aktuell?

Thomas Villmann: In meiner Forschungsgruppe entwickeln wir aktuell einen KI-Ansatz für Daten, welche für das Training von KI-Modellen benutzt werden sollen, auf Bias-Verzerrungen zu untersuchen und gegebenenfalls diesen Einfluss zu entfernen bzw. zumindest zu reduzieren. Das spielt nicht nur in sozial-ethischen Aspekten eine Rolle. In der Medizin wird zunehmend realisiert, dass Medizin für Männer und Frauen durchaus unterschiedliche Behandlungsansätze und Methoden erfordert. Um trotzdem Gemeinsamkeiten in entsprechenden Patientendaten zu finden sind solche Bias-Bereinigungen in Daten vor dem Training spezifischer KI-Diagnose-Tools sehr wichtig. Zudem soll die KI nicht nur diagnostisch Krankheiten erkennen, sondern im besten Fall auch Erklärungsansätze liefern als eine kausale KI, wie es auch im KIMed-Projekt untersucht wird (https://www.kimed-netzwerk.de/de/)

Ein weiteres Arbeitsfeld ist die sparsame Verwendung von Daten für das KI-Training, denn die Bereitstellung bzw. Erzeugung geeigneter Daten ist oft kostspielig. In der Landwirtschaft sind z.B. die Verwendung von preiswerten und robusten Sensoren zur Pflanzengesundheit bzw. Erkennung von Pflanzenstress durch Trockenheit oder Schädlinge von essenzieller Bedeutung. Hier verfolgen wir einen mathematischen Ansatz, dass entsprechende KI-Modelle mit möglichst wenig Datenanforderungen bei bleibender Erkennungsqualität auskommen sollen. In diesem Zusammenhang ist auch der Aufbau eines Bio-Core-Lab für die praxisnahe Lehre im Rahmen des ILEAS-Projektes der Hochschule geplant, in dem ab dem nächsten Jahr Studierende selbst Messungen zur Datengenerierung für KI-Modelle durchführen können und somit für KI-gerechte Datenerzeugung sensibilisiert und trainiert werden. Zudem bedienen wir im ILEAS-Projekt auch ein eher strategisches Forschungsfeld, nämlich den Einsatz von KI in der Lehre, in der Lehr- und Lernanalytik zur Verbesserung von Studienerfolg auf der Basis der Erkennung individueller Stärken und Schwächen vom Studierenden.

Wichtig ist, dass alle in meiner Arbeitsgruppe entwickelten KI-Modelle sich durch relativ einfache Erklärbarkeit auszeichnen, durch mathematische Verifizierbarkeit verlässliche Ergebnisse liefern und den Nutzer auf unsichere Entscheidungen hinweisen. Stolz bin ich auch auf unserer derzeit insgesamt ca. 450 wissenschaftlichen Veröffentlichungen mit ca. 9000 Zitierungen weltweit.

Ganz besonders freut mich, dass wir derzeit im SICIM für nächstes Jahr den Start eines fakultätsübergreifenden Masterstudiengangs ‚AI/Machine Learning and Data Sciences‘ planen und ich dabei ein sehr positives Echo und Bereitschaft zur Mitarbeit von vielen Lehrenden unserer Hochschule erfahre.

Professor Villmann, vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch. Ganz herzlichen Glückwunsch noch einmal zur Aufnahme in die National Academy of Artificial Intelligence – eine absolut verdiente Auszeichnung und ein beeindruckender Meilenstein.

Für Ihre neue Rolle als „Member of NAAI“ wünschen wir Ihnen viel Erfolg, spannende Kontakte und weiterhin viel Energie, die Entwicklung der KI aktiv mitzugestalten. Wir sind gespannt, was noch kommt!

Das Interview führte Annett Kober, Referat Forschung 
Foto: Jacob Golde, Hochschule Mittweida